John Heartfield 1891-1968

Kindheit (1891–1897)

1891
Am 19. Juni als Hellmuth Franz Joseph Stolzenberg in Schmargendorf bei Berlin geboren

1893
Geburt seiner Schwester Hertha

1895
Umzug der Familie nach München. Sein Vater Franz Herzfeld wird wegen „Gotteslästerung“ zu Gefängnis verurteilt und begibt sich mit der Familie nach Weggis, Schweiz

1896
Heirat der Eltern
Sein Bruder Wieland wird geboren
Als „mittellose Ausländer“ sind die Eltern in der Schweiz unerwünscht; Übersiedlung nach Aigen bei Salzburg, Österreich

1897
Geburt seiner Schwester Charlotte, genannt Lotte

„Geboren wurde ich am 19. Juni 1891 in Schmargendorf bei Berlin. Mein Vater Franz Herzfeld (Pseudonym: Franz Held) war Dichter und Sozialist und in Düsseldorf geboren. Meine Mutter wurde in Berlin geboren. Bis zu ihrer Verheiratung war sie Textilarbeiterin, späterhin Hausfrau. Auch sie war Sozialistin.“

John Heartfield, Lebenslauf, 1950, JHA 666.13

Kindheit (1898–1905)

1899
Die Eltern  Franz und Alice Herzfeld verschwinden unter bisher ungeklärten Umständen und lassen ihre Kinder zurück

Vormund für die vier Kinder wird ein Jahr danach die in Wiesbaden lebende Tante, Helene Stolzenberg
Grundschulbesuch; Hellmuth Herzfeld wird angeblich wegen der Beteiligung an einer Schülerrevolte in die Zwangserziehungsanstalt „Johannäum“ in Salzburg eingewiesen, danach bei der Familie Ignaz Varnschein

1905
Buchhändlerlehre in Wiesbaden, Malunterricht bei Hermann Bouffier

„Ich verlor die Eltern 1899 und lebte seitdem als Waise bei verschiedenen Familien; bis 1905 in Salzburg in Österreich bei einem Landgastwirt und einem Briefträger; dann kam ich vierzehnjährig nach Wiesbaden (1905), nachdem ich die Volksschule abgeschlossen hatte.“

John Heartfield, Lebenslauf, 1951, JHA 666.12

„Lieber Wieland, das Haus, das da mitten vor dem Gaisberg steht ist mein Geburtshaus. Erst zehn Tage nach meiner Geburt ist Mama mit uns in das Eckhaus in der Aignerallee gezogen. So erzählte Onkel Ignaz, daran kannst du dich natürlich nicht mehr erinnern […].“

Charlotte Herzfeld an Wieland Herzfelde, ohne Ort, ca. 1960er Jahre, WHA 3433

Jugend/Ausbildung (1906–1913)

1907
Ölgemälde Die Hütte im Walde für seine Schwester Hertha

1908
Studium an der Königlichen Kunstgewerbeschule München

1912
Werbegrafiker bei der Druckerei Gebrüder Bauer, Mannheim
Erster Bucheinband für die Ausgewählten Werke seines Vaters Franz Held  entsteht
Teilnahme an Plakatwettbewerben

1913
Studium an der Kunst- und Handwerkerschule Berlin-Charlottenburg, u.a. bei Ernst Neumann; 1. Preis für die Gestaltung eines Wandfrieses zur Werkbund-Ausstellung in Köln

„In Wiesbaden kam ich in die Lehre in einer Buchhandlung, die dem Mann einer Schwester meiner Mutter [Heinrich Heuss] gehörte, blieb aber dort nicht lange, sondern wollte Kunstmaler werden und nahm Unterricht bei einem Maler [Hermann Bouffier]. […] 1908 ging ich nach München an die Staatliche Kunstgewerbeschule; die Kosten meiner Ausbildung brachte ich durch eigene kunstgewerbliche Arbeiten auf. […] Ich wollte aber freischaffender Künstler werden und ging ein Jahr später [1913] nach Berlin an die Charlottenburger Kunst- und Handwerkerschule, wo ich bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges meine Studien fortsetzte. Von der Stadt Berlin-Charlottenburg erhielt ich zu dieser Zeit ein Stipendium.“

John Heartfield, Lebenslauf, 1951, JHA 666.12

Erster Weltkrieg (1914–1918)

1914
Militärdienst als Mitglied des Grenadier-Regiments N°2 der Kaiser-Franz-Garde in Berlin

1915
Entlassung aus dem Militär angeblich wegen einer simulierten Nervenkrankheit
Heartfield vernichtet seine frühen Gemälde, vorwiegend Landschaftsbilder

1916
Hellmuth Herzfeld gibt sich den Namen John Heartfield gegen den Kriegshetzruf „Gott strafe England!“

1917/1918
Es entsteht die erste Fotomontage So sieht der Heldentod aus!

„Ich wurde schon im September 1914 eingezogen und zwar [...] zur Garde. Ich kam zum Kaiser-Franz-Josef-Regiment Neukölln. [...] Ich kam aus der Kaiser-Franz-Josef-Kaserne niemals heraus. Und wenn wir bis zum Halleschen Tor marschierten und dann wir kleinen Leute zu sehen waren, rief die Bevölkerung uns zu: ‚Ah, Deutschlands letzte Rettung‘, und wir antworteten: ‚Deutschlands allerletzte‘. [...] Man hat uns zu Weihnachten, es war 1914 – damals hat man uns versprochen, sei der Krieg schon längst zu Ende –, im Grunewald zur Post beordert. Wir sollten Briefträger spielen und den Lokalanzeiger, dieses verhasste kriegstreibende Blatt, an die Spießer des Bezirks Grunewald abliefern und deren Briefe. Wissen Sie, was ich getan habe? Ich bin zum nächsten Gully gegangen und habe die Briefe und alles in den Gully geworfen. [...] Aber nicht nur produktiver Jähzorn war es, der mich zu einer sehr entscheidenden Handlung veranlasste, wie z. B. dazu, meinen Namen in einen englischen zu übersetzen. Das war meine Antwort auf Ernst Lissauers Hassgesang ,Gott strafe England‘“.

John Heartfield, Rundfunkinterview, 1966

„Ich war ja schon sehr früh Soldat. Wir haben dann geklebt, ich habʼ geklebt und Fotos schnell ausgeschnitten und ein anderes dann drunter. Das ergab natürlich schon wieder einen Kontrapunkt, einen Widerspruch, und es sagte etwas anderes aus. Das war dort die Idee. Das war mir noch nicht so klar, wo das hinführte und dass es bei mir zur Fotomontage führte.“

John Heartfield im Gespräch mit Bengt Dahlbäck, Moderna Museet, Stockholm 1967, zit. nach: Peter Pachnicke, Klaus Honnef, John Heartfield. Köln, 1991, S. 14

Malik (1917–1924)

1917
Gründung des Malik-Verlags in Berlin, der bis 1933 mehr als 350 Buchtitel herausgibt. Verleger ist Wieland Herzfelde; John Heartfield und George Grosz bestimmen das künstlerische Profil des Unternehmens und gestalten die unverwechselbaren Buchumschläge sowie alle übrigen Malik-Produkte

1924
Die erste Fotomontage zur Zeitgeschichte entsteht anlässlich des 10. Jahrestags des Beginns des Ersten Weltkriegs: Nach 10 Jahren: Väter und Söhne 1924 
ist im Schaufenster des Malik-Verlages öffentlich zu sehen und erregt großes Aufsehen

Heartfield gestaltet eine Reihe von Buchumschlägen prominenter Verlagsautoren wie Franz Jung, Erich Mühsam und Upton Sinclair

„[…] Das war aber nicht die einzige Protesthandlung gegen den Krieg. Mein Bruder Wieland gründete mit meiner Unterstützung den Verlag ,Neue Jugend‘. Die erste gedruckte Nummer war die Nummer 7. […] Ich habe ja schon in der ‚Neuen Jugend‘, die damals in ganz großem Format von mir herausgebracht wurde, mit Foto zu arbeiten angefangen […]“

John Heartfield, Rundfunkinterview, 1966

„Wenn ich nicht Peter Panter wäre, möchte ich Buchumschlag im Malik-Verlag sein. Dieser John Heartfield ist wirklich ein kleines Weltwunder. Was fällt ihm alles ein! Was macht er für bezaubernde Dinge! Eine seiner Fotomontagen habe ich mir rahmen lassen, und aufbewahren möchte man sich beinah alle.“

Peter Panter (Kurt Tucholsky), Auf dem Nachttisch. In: Die Weltbühne, (2.2.1932) Nr. 5, S. 177

Film/KPD (1917–1919)

1917
Durch Vermittlung von Harry Graf Kessler wird Heartfield Regisseur bei der „Militärischen Bildstelle“ der späteren UFA (Trickfilmabteilung). Beginn der Filmarbeit
Erste Ehe mit Helene Balzer

1918
Geburt des Sohnes Tom

1919
Eintritt in die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) gemeinsam mit seinem Bruder Wieland, George Grosz und Erwin Piscator

„Im letzten Kriegsjahr von 1917 bis 1918 arbeitete ich als Filmausstatter im Filmatelier Grünbaum in Weißensee; von Ende des Krieges ab – 1918 bis 1920 – in der Kulturabteilung der UFA als Regisseur. Außerdem richtete ich dort die Trickfilmabteilung der UFA ein. Am Gründungstag der KPD, dem 31. 12. 1918, trat ich der Partei bei. Ich fertigte Plakate für Versammlungen der Partei, für Demonstrationen und Wahlen, für die Agitprop der Partei an, entwarf das Zeichen für den Roten Frontkämpferbund (die geballte Faust im Kreis) etc. und besorgte die Drucklegung von illustrierten Partei-Wahlblättern, Flugblättern und Zeitschriften. Als Mitglied der Roten Künstlergruppe Berlin redigierte ich das satirische Witzblatt der Partei Der Rote Knüppel.“

John Heartfield, Lebenslauf, 1951, JHA 666.12

DADA-Berlin (1919–1920)

1919
Mit Johannes Baader, George Grosz, Raoul Hausmann und Richard Huelsenbeck gemeinsame Auftritte als „Monteur-Dada“

1920
Erarbeitet Bühnenbilder für Erwin Piscators „Proletarisches Theater”
Geburt der Tochter Eva
Bekanntschaft mit Otto Dix und Otto Griebel

Beteiligung an der Ersten Internationalen Dada-Messe; es entsteht die gemeinsame Montage von George Grosz und John Heartfield für den Umschlag Dada siegt. Eine Bilanz des Dadaismus

„Damals wurden wir Dadaisten. Natürlich war das eine, ich möchte sagen: nihilistische Haltung von uns Künstlern. Sie konnte gar nicht anders sein, denn zum großen Teil stammten wir aus dem Bürgertum und hatten vor allem nicht die Verbindung zur Arbeiterschaft […]. Vorerst setzten wir uns heftig vor allem mit unseren Künstlerfreunden auseinander, auch auf dadaistische Weise. Doch nicht nur mit ihnen, sondern mit den Besuchern unserer Dada-Matineen und anderen Veranstaltungen. [...] die Dadaisten wehrten sich heftig gegen die Barbarei, in die Deutschland durch den Krieg gestürzt worden war und gehalten wurde. [...] Es war unsere absolute Meinung, dass der dadaistische Mensch der radikale Gegner der Ausbeutung war und sein muss. Und wir haben das auch immer projektiert. Auch in der großen Ausstellung, die wir die ‚Erste große dadaistische Messe‘ [‚Erste Internationale Dada-Messe‘, 1920] nannten, eine Dadamesse, die wir bei Dr. Otto Burchard in Berlin veranstalteten.“

John Heartfield, Rundfunkinterview, 1966

Weimarer Republik (1921–1929)

1921
Buchgestaltung für verschiedene Verlage. Theaterarbeit. Schaffung von Fotomontagen zur Zeitgeschichte, u.a. Hurra! Der Panzerkreuzer A ist da!  Gestaltung zahlreicher KPD-Publikationen

1927
Zweite Ehe mit Barbara Friedmann
Begegnungen mit Hanns Eisler und Ernst Busch

1928
Heartfield erleidet in Berlin bei einem Autobusunfall eine schwere Gehirnerschütterung

1929
Die „Internationale Werkbund-Ausstellung FILM und FOTO“ in Stuttgart widmet Heartfield einen eigenen Ausstellungsraum
Deutschland, Deutschland über alles  von Kurt Tucholsky erscheint, montiert von John Heartfield

„Auch unser Freund John Heartfield hatte mit seinen besten Fotomontagen einen Raum gefüllt. Seine Werke sind von revolutionärer Idee durchdrungen, er versteht es, wie kein anderer, die Fotografie als Kampfmittel zu verwenden.“

In: Der Arbeiter-Fotograf, Berlin, 3 (1929), Nr. 8, S. 156

„Einmal hatte er nur eine zum Zupacken bereite, riesengroße Hand als Wahlplakat verwendet, wie immer mit eindringlichen Textworten (Fünf Finger hat die Hand – mit ‚5‘ schlägst du den Feind – wählt Liste 5). In den darauffolgenden Tagen erhielt er fantastische Angebote von drei großen deutschen Industriefirmen, Reklamechef bei ihnen zu werden – zum Teil mit dem versteckten Hinweis darauf, dass er seine politische Kunst, die ihn doch niemals zum reichen Mann machen würde, so in der freien Zeit und ohne Geldsorgen besser würde ausüben können. Er schlug die Angebote aus, wollte freie Hand behalten im politischen und weltanschaulichen Kampf, andere in diesem Kampf anspornen.“

Hellmuth Bachmann [vermutlich Barbara Herzfeld]‚ John Heartfield: Zu seinem 50. Geburtstag am 19. Juni 1942. In: Argentinisches Tageblatt, Buenos Aires, 54 (19.6.1942), Nr. 167, S. 10

Theaterarbeit (1920–1931 und 1950–1966)

1919
Mitarbeit an Max Reinhardts Kabarett Schall und Rauch

1920
Ausstattungsleiter an den Reinhardt-Bühnen; u.a. Bühnenbilder für Cäsar und Cleopatra von George Bernard Shaw, Woyzeck von Georg Büchner und Die Weber von Gerhart Hauptmann
Zusammenarbeit mit Erwin Piscator und George Grosz
Inszenierungen des „Proletarischen Theaters“, u.a. Rußlands Tag; vielfältige Arbeiten für diverse Theater: Bühnenbild, Kostümentwürfe, Projektionen, Plakat, Programmheft

1929
Zusammenarbeit mit László Moholy-Nagy bei der Bühnengestaltung von Walter Mehrings Stück Der Kaufmann von Berlin (Piscator-Bühne am Nollendorfplatz)

1931
Bühnenbild für Tai Yang erwacht  von Friedrich Wolf (Aufführungen in der Jungen Volksbühne / Wallner-Theater, Berlin)

„Von 1920 bis 1922 war ich künstlerischer Leiter des Ausstattungswesens des Deutschen Theaters, der Kammerspiele und des Großen Schauspielhauses Berlin. Unter anderem entwarf ich die Dekorationen und Kostüme zu Büchners Woyzeck (Regie Max Reinhardt), […] Ernst Tollers Maschinenstürmer im Großen Schauspielhaus (Regie Karl Heinz Martin). In den folgenden Jahren schuf ich eine Reihe von Ausstattungen für die Piscatorbühne, u. a. zu Gorkis Die Feinde und Nachtasyl, Friedrich Wolfs Tai Yang erwacht im Wallner Theater, und für Berthold Viertels Theater-Ensemble ‚Die Truppe‘ Georg Kaisers Nebeneinander. Während der Weimarer Republik trat ich des Öfteren als Redner in Versammlungen auf. Einmal wurde ich wegen Beleidigung der Weimarer Republik (Presse-Gesetz) zu einer hohen Geldstrafe verurteilt.“

John Heartfield, Lebenslauf, 1951, JHA 666.12

„Die Aufführung im ‚Großen Schauspielhaus‘. (Trotz alledem) [. . .] Im ganzen: Großartig war die Kombination von Film und Theater. John Heartfield hatte seine Hand im Spiele. Hier ist er unübertrefflich. Auch aus den Verwandlungen auf der Bühne holte er das Möglichste heraus. Aber der Film war die ‚Hauptsache‘. Er war die ‚Stimmung‘, dieser Kriegsfilm, die Illustration, das Unmittelbare, eben jenes, was man darstellerisch nicht auf der Drehbühne herausholen kann, der Film war das Aufpeitschende, er hat uns aufgewühlt bis ins Innerste […].“

Otto Steinicke. In: Die Rote Fahne, Berlin, 13./14.7.1925, zit. nach: Günter Rühle, Theater für die Republik. Im Spiegel der Kritik, 1. Band. Berlin 1988, S. 648

1951
Gestaltung von Bühnenbild und Plakat für Bertolt Brechts Die Mutter  (Berliner Ensemble); Plakate für die Inszenierungen von Der Biberpelz und Der Rote Hahn von Gerhart Hauptmann und von Nikolai Pogodins Das Glockenspiel des Kreml (Berliner Ensemble) u.a.

1954
Bühnenbild für Mutter Riba  von David Berg (Kammerspiele, Berlin)

1955
Bühnenbild, Kostümentwurf und Plakat für Sozialaristokraten  von Arno Holz (Kammerspiele, Berlin)

1966
Plakat für Rolf Hochhuths Der Stellvertreter (Deutsches Theater, Berlin)

Sowjetunion (1931-1932)

1931
Heartfield reist zu einem längeren Aufenthalt in die Sowjetunion. Ausstellung von etwa 300 eigenen Arbeiten in Moskau, Vorträge und Fotomontage-Kurse am Polygrafischen Institut. Bekanntschaft mit Lilja Brik und Alexander Rodtschenko. Beteiligung an der Gestaltung zweier Ausgaben der Zeitschrift USSR im Bau

Mehrere Wochen mit Redakteuren und Fotografen im Erdölgebiet von Baku. Treffen mit Erwin Piscator in Odessa, Arbeit für die Filmdekoration Der Aufstand der Fischer von St. Barbara (nach Anna Seghers)

„1930 wurde ich in die Sowjet-Union eingeladen und blieb dort ein Jahr [April 1931 bis Januar 1932]. Zuerst veranstaltete ich in Moskau eine Ausstellung meiner Arbeiten [1931], dann sandte mich der Verlag der Zeitschrift UdSSR im Bau als Mitarbeiter einer Stoßbrigade von sowjetischen Meister Fotografen nach dem Kaukasus, Baku, Batumi und Odessa. In Odessa wurde ich zum Mitaufbau der Außenbauten für den Piscatorfilm Aufstand der Fischer von Santa Barbara von Anna Seghers herangezogen. In Moskau erschien in russischer Sprache eine Monographie John Heartfield mit Reproduktionen meiner Arbeiten […]“

John Heartfield, Lebenslauf, 1951, JHA 666.12

Flucht/Ausbürgerung (1933)

1933
Ostern: SA-Überfall auf Heartfields Wohnung. Flucht über das Riesengebirge nach Prag
Wiederaufnahme der Arbeit für die AIZ und den Malik-Verlag
Erste Fotomontage für die AIZ in Prag Hitlers Programm

1934
Amtliche Bekanntmachung im Deutschen Reichsanzeiger zur Ausbürgerung von John Heartfield, Wieland Herzfelde, Erwin Piscator, Leonhard Frank, Alfred Kantorowicz, Klaus Mann u.a.

„In den ersten drei Monaten des Jahres 1933 stellte ich für die Wahl am 5. März 1933 in illegaler Arbeit für die Peuwag [Papier-Erzeugungs- und Verwertungs-AG] eine Anzahl Parteidrucksachen und ein großes Plakat nach meinem eigenen Entwurf her und überwachte deren Drucklegung. Am Karfreitag, Ostern 1933, brach nachts die SS [SA] in meine Wohnung ein, in der ich mich zufällig gerade aufhielt, um meine künstlerischen Arbeiten zu packen. Es gelang mir, durch einen Sprung vom Balkon meiner hochparterre gelegenen Wohnung der Verhaftung zu entgehen. Auf Veranlassung der Partei emigrierte ich Ostern zu Fuß über das Riesengebirge in die ČSR. Anfang November 1934 wurde ich von der Hitlerregierung ausgebürgert.“

John Heartfield, Lebenslauf, 1951, JHA 666.12

„Bekanntmachung. Auf Grund des §2 des Gesetzes über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit vom 11. Juli 1933 erkläre ich im Einvernehmen mit dem Reichsminister des Auswärtigen folgende Reichsangehörige der deutschen Staatsangehörigkeit für verlustig, weil sie durch ein Verhalten, das gegen die Pflicht zur Treue gegen Reich und Volk verstößt, die deutschen Belange geschädigt haben. […]

Herzfeld, Helmuth (John Heartfield), geb. am 19. Juni 1891;

Herzfelde, Wieland, geb. am 11. April 1896; […]

Berlin, den 1. November 1934

Der Reichs- und Preußische Minister des Innern. Dr. Frick.“

Exil in Prag/Manes (1934–1937)

1934
Beteiligung an der Internationalen Karikaturenausstellung im Prager Kunstverein Mánes, die zu diplomatischen Verwicklungen zwischen der ČSR und Deutschland führt

1936/1937
Teilnahme an der „Internationalen Foto-Ausstellung” im Prager Kunstverein Mánes und an der Ausstellung „50 Jahre Mánes”; wegen der Drohung Deutschlands, die diplomatischen Beziehungen zur ČSR abzubrechen, müssen einige Arbeiten Heartfields entfernt werden; er reagiert mit der Fotomontage Zur Intervention des Dritten Reiches – Je mehr Bilder sie weghängen, um so sichtbarer wird die Wirklichkeit!

„Vom ersten Tag meines Eintreffens in Prag war ich ständiger Mitarbeiter der Volks-Illustrierten, in der wöchentlich meine satirischen Fotomontagen gegen das Hitlersystem erschienen. Für die Bücher des von meinem Bruder in Prag weitergeführten Malik-Verlages machte ich Bucheinbände, desgleichen für tschechische Verlage. Ich war Mitglied der Prager Parteigruppe und des Bert-Brecht-Klubs. Im Frühjahr 1934 zeigte der Prager ‚Mánes‘ in einer Karikaturen-Ausstellung auch Arbeiten von mir, was zum offiziellen Einspruch der Hitlerregierung bei der tschechischen Regierung führte.“

John Heartfield, Lebenslauf, 1951, JHA 666.12

Aufenthalt in Paris (1935)

1935
Ausstellung „150 photomontages“ in der Maison de la Culture in Paris durch die Association des Écrivains et Artistes Révolutionnaires

Erster Internationaler Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur
Bekanntschaft mit Walter Benjamin und anderen internationalen Künstlern
Für Willi Münzenbergs Editions du Carrefour gestaltet er Buchumschläge; es entsteht u.a. die Fotomontage für den Buchumschlag Das braune Netz. Wie Hitlers Agenten im Auslande arbeiten und den Krieg vorbereiten

„Auf Veranlassung von Louis Aragon, Henri Barbusse und Romain Rolland fand im Herbst 1934 [April/Mai 1935] eine Ausstellung meiner Arbeiten in Paris statt. Dort hielt ich mich ½ Jahr auf.“

John Heartfield, Lebenslauf, 1951, JHA 666.12

Flucht nach England (1938)

1938
Im Dezember Flucht aus Prag nach England wegen der bevorstehenden Besetzung der ČSR durch die deutsche Wehrmacht. Letzte Fotomontage in Prag Das gigantischste Lügenmaul aller Zeiten, veröffentlicht in der Volks-Illustrierten, wird von der Zensur überdruckt

Die Journalistin Martha Gellhorn, die Frau Ernest Hemingways, und der englische Reporter Eric Gedye verhelfen Heartfield zur Ausreise nach England. Sein Pass wird ihm von der ČSR am 31. Oktober 1938 für seine Flucht nach England ausgestellt; am 6. Dezember Flug von Prag nach Strasbourg, am Tag darauf Ankunft in Croydon. Aufenthaltsgenehmigung vorerst für zwei Monate; erste Gastgeberin Yvonne Kapp, zweiter Gastgeber Fred Uhlman, London

Trennung von seinem Bruder, dem das Verbleiben in England verweigert wird

„Durch die Hilfsorganisationen unserer Partei in Prag wurde ich am 6. Dezember 1938 mittels Flugzeug nach London evakuiert; in London erhielt ich von dem ‚Czech Trust Fund Committee‘ (Thomas Mann Gruppe) Unterstützung. Genosse [Wilhelm] Koenen veranlasste auf Wunsch der londoner deutschen Parteigruppe meine Unterbringung im Hause des mit einer Engländerin verheirateten deutschen Kunstmalers Fred Uhlmann, 47, Downshire Hill, London N.W.3.“

John Heartfield, Lebenslauf, 1950, JHA 666.13

Exil in England/FDKB (1938–1950)

1938
Etwa fünfzig Emigranten aus Deutschland und Österreich treffen sich im Londoner Haus des Rechtsanwalts und Malers Fred Uhlman und beschließen die Gründung des Freien Deutschen Kulturbundes in Großbritannien (Free German League of Culture in Great Britain)

1939
Heartfield ist aktives Mitglied im Freien Deutschen Kulturbund (FDKB). „One man’s war against Hitler unter der Schirmherrschaft des Kulturbundes in der Arcade Gallery in London.
Die Montage für den Buchumschlag Freedom Calling! The Story of the Secret German Radio entsteht

1940
Internierung als „feindlicher Ausländer“ in drei englischen Internierungslagern. Schwere Erkrankung; Unterstützung und Pflege durch seine Lebensgefährtin Gertrud Fietz

1941
Der Freie Deutsche Kulturbund feiert den 50. Geburtstag John Heartfields mit einer Ausstellung

1942
Beteiligung an der Wanderausstellung des FDKB „Allies Inside Germany”; dafür entsteht u.a. die Fotomontage Fünf Minuten vor zwölf

1943
Gestalter von Buchumschlägen für den Verlag Lindsay Drummond; die Montage für die Broschüre Und sie bewegt sich doch! mit einem Vorwort von Oskar Kokoschka entsteht

1950
Cartoonist und Typograf für Penguin Books

„Dem Kulturbund gelang es bald, ein eigenes Haus in Hampstead, London N.W.3, Upper Park Road, zu bekommen. Zwei Jahre lang, bis zur Zeit meiner Internierung in England [Juli-August 1940], leistete ich täglich unbezahlte Kulturbundarbeit. […] Da ich, solange die KPD in England bestand, Mitglied der Partei war, half ich, die Parteibeschlüsse im Kulturbund zur Durchführung zu bringen. Ich machte Ausstattungen für verschiedene Vorstellungen auf der Bühne im Kulturbund-Haus, organisierte verschiedene künstlerische Veranstaltungen, Vortragsabende und hielt selbst eine Reihe von Vorträgen, auch an der Deutschen Hochschule. Für eine politische Schriftenreihe, die von der russischen Zeitschrift Soviet War News (Sowjet Kriegsnachrichten) in London herausgegeben wurde, entwarf ich die Einbände […]. Während des Krieges war ich in England interniert, wurde jedoch aus Gesundheitsgründen (Kopfleiden) nach sieben Wochen entlassen. Bald nach meiner Freilassung aus der Internierung, Ende August 1940, fand ich eine Anstellung als Buchhersteller im Londoner Verlag ‚Lindsay Drummond Ltd.‘, die ich bis Ende Januar 1950 innehatte [zuerst als freier, ab 1942 als festangestellter Mitarbeiter]. Mitte März 1950 arbeitete ich in der Buchherstellungs-Abteilung des Verlages ,Penguin Books Ltd.‘ London.“

John Heartfield, Lebenslauf, 1950, JHA 666.13

Rückkehr nach Deutschland (1950–1952)

1950
Bemühungen um Heartfields Rückkehr nach Deutschland werden angesichts des Kalten Krieges immer problematischer; besonders großes Misstrauen der DDR-Regierung gegenüber allen Emigranten, die noch so „spät” aus dem westlichen Exil heimkehren wollen

Heartfield gelingt es am 31. August mit Hilfe seines aus dem US-amerikanischen Exil zurückgekehrten Bruders mit Gertrud Fietz über Prag nach Leipzig zurückzukehren

1952
Dritte Ehe mit Gertrud Fietz

„1945 wäre auch ich und meine Lebensgefährtin gerne nach Deutschland zurückgekehrt, aber mein Arzt, Dr. Otto Manasse, ein Sympathisierender und Mitglied des Kulturbundes, erklärte mich für reiseunfähig und informierte auch davon die Parteileitung. […] Ich fühlte […] mich daher in der Lage, Ende 1949 eine Aufforderung, nach Deutschland zurückzukehren, bejahend zu beantworten. Die im Anschluss daran unternommenen Schritte beanspruchten über 8 Monate.“

John Heartfield, Lebenslauf, 1950, JHA 666.13

„Ende August [1950] verließ ich England und kehrte mit meiner Frau nach Deutschland zurück und lebe seither in der D.D.R.“

John Heartfield, Lebenslauf, 1956, JHA 666.9

„Ich betätige mich als freischaffender Künstler. Ich arbeite mit meinem Bruder Professor Wieland Herzfelde zusammen. Meine Druckarbeiten und Montagen sind von nun an stets ‚Heartfield Herzfelde‘ gezeichnet.“

John Heartfield, Lebenslauf, 1951, JHA 666.12

Frühe DDR-Jahre/Leipzig und Berlin (1951–1956)

1951
Wohnsitz in Leipzig, Arbeitswohnung in Berlin

Ein Beschluss der Zentralen Parteikontrollkommission der SED verdächtigt alle „Westemigranten“ „verräterischer Verbindungen” zu westlichen Geheimdiensten.

Ein Parteiwiederaufnahmeverfahren in die SED wird wie die Aufnahme in die Akademie der Künste (DDR) abgelehnt.

Heartfield erleidet einen ersten Herzinfarkt

Fotomontage Nur die allergrößten Rinder kommen freiwillig zum Schinder

„[...] Als wir dann in die DDR kamen und die Brüder versuchten, gemeinsam künstlerisch weiter zu arbeiten, war das nicht gangbar. Die Emigrationsjahre mit den unterschiedlichsten Erlebnissen beiderseits in verschiedenen Ländern hatten verschiedene Menschen geformt. [...] Johnny war über diesen Zustand sehr unglücklich und verzweifelt, konnte ihn aber nicht verändern, er war ein anderer geworden. Oft verheimlichte er, was er arbeitete oder womit er beschäftigt war, nur um nicht bevormundet zu werden [...]. Dann war Johnnies Krankheit – seine beiden Herzinfarkte und die anschließende Zeit mit seinen häufigen Krankenhaus-Aufenthalten [...]. Aber dann wurde John durch seine Freunde Brecht, Uhse und Hermlin, die einen langen Kampf durchführten, in die Akademie gewählt [1956]. Von jetzt an hatte John ein Eigenleben. Mit seinen Ausstellungen begann es [...].“

Gertrud Heartfield an den Direktor der Akademie der Künste der DDR, Berlin, 1972

Späte DDR-Jahre/Rehabilitierung (1956–1968)

1956
Rehabilitierung John Heartfields durch die Zentrale Parteikontrollkommission der SED

Ehrenmitglied des Verbandes Bildender Künstler der DDR

Ordentliches Mitglied der Deutschen Akademie der Künste

1957
Erste umfassende Ausstellung „John Heartfield und die Kunst der Fotomontage“. Zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen, darunter der Nationalpreis für Kunst und Literatur II. Klasse

Umzug nach Berlin

„Sagen Sie, wissen Sie vielleicht, was aus John Heartfield geworden ist?“ Diese Frage, die sich wie die Anfangszeile eines Detektivschmökers liest, war durchaus berechtigt. Ist es doch beinahe, als wäre einer der größten und originellsten Künstler unserer Zeit spurlos verschwunden – spurlos verschwunden bei uns, in der DDR! [...] Ich glaube, dass John Heartfield, seinem Werk und der Größe seiner Kunst entsprechend, in die Akademie gehört. [...]“

Stefan Heym, Offen Gesagt. In: Berliner Zeitung, 10 (13.6.1954), 135, S. 2

„John Heartfield ist einer der bedeutendsten europäischen Künstler. Er arbeitet auf einem selbst geschaffenem Feld, der Fotomontage. Vermittels dieses neuen Kunstmittels übt er Gesellschaftskritik […]. Die Blätter dieses großen Satirikers […] werden von vielen, darunter dem Verfasser dieser Zeilen, für klassisch gehalten.“

Bertolt Brecht 1951
Bertolt Brecht, Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. Hg. v. Werner Hecht [u. a.]. Band 23. Berlin und Weimar, Frankfurt am Main 1993, S. 154

Aufenthalt in Peking und Moskau (1957)

1957
Dreimonatige Studienreise in die Volksrepublik China mit seiner Frau Gertrud und den damaligen Meisterschülern der Akademie der Künste Werner Stötzer und
Harald Metzkes.
Auf der Rückreise zwei Wochen in Moskau; Begegnungen mit Freunden und Bekannten. Er erhält Teile seiner Ausstellung von 1931 im Puschkin-Museum zurück

„Ein glücklicher Beschluss der Mitglieder der Sektion für Bildende Kunst der Akademie der Künste der DDR stellte im Jahr 1957 eine in die Volksrepublik China zu sendende Delegation zusammen: John Heartfield, seine Frau Gertrud, Werner Stötzer und Harald Metzkes. Wir, im Gefolge des Mannes, der für die Montage China der Riese erwacht – Wehe dem Eindringling! stand – dort viel bekannt und oft umarmt – standen ihm zur Seite, einen halben Schritt hinter ihm. […] In einem Klosterhof standen drei zeichnende Männer nebeneinander. Man guckte schon einmal auf das, was der andere machte. Heartfield zeichnete mit Kohle auf ein handgeschöpftes Stück Bütten. Ein Dämon füllte die unzähligen Vertiefungen, die das Netz beim Schöpfen des aus England stammenden Bogens hinterlassen hatte. Wo mag das jeden Strich, den die Hand führte, weiter Schwärze sammelnde Wesen hingekommen sein? Aufgefordert, Gertrud Heartfield beim Ordnen der großen Papierstapel zu helfen, begegnete ich ihm nicht. Von den vorzüglichen Bogen fanden sich einige, die mir zufielen. […] Und es ist jedes Mal auch ein Erinnern an ein freundschaftliches, kollegiales Vierteljahr unter fremdem Himmel in bester Gesellschaft.“

Harald Metzkes, Zwei Papiere, In: Werner Stötzer. Berlin 2016, S. 33–36 (akademiefenster 11)

Refugium: Waldsieversdorf (1953–1968)

1953
Einladung durch Bertolt Brecht nach Buckow, Märkische Schweiz

1955
Erneuter Besuch in der Märkischen Schweiz

1957
Heartfield erwirbt das Nutzungsrecht für ein Grundstück am Großen Däbersee in Waldsieversdorf; Errichtung eines Wochenendhauses nach seinen Vorstellungen aus Teilen einer ehemaligen Wehrmachtsbaracke

„Wann und wo man ihn traf, fast immer war er in Eile, in Aufregung, in Zeitnot. Ausgenommen die Sommertage, die er mit seiner Frau in dem Waldhäuschen verbrachte, wo er zwischen Bäumen, Blumen und seltenen Dingen gewissermaßen eine zweite, eine glücklichere Kindheit erlebte.“

Wieland Herzfelde, John Heartfield. Leben und Werk dargestellt von seinem Bruder Wieland Herzfelde, Dresden 1976, S. 108

Internationale Ausstellungen (1964–1967)

1964
„Niestety actualne“ [Leider aktuell] in der Kunsthalle Warschau
„Stále iestje“ [Noch immer] in der Nationalgalerie Prag u.a.

1965
„Meg Mindig“ [Noch immer] im Ernst-Museum Budapest
„In Lotta contro lʼidra“ [Im Kampf gegen die Hydra] in der Galleria il fante di Spade in Rom u.a.

1966
„Der Punkt aufs I“ im Europa-Center Berlin (West)
Ausstellung in den Städtischen Bühnen Münster (Westfalen) u.a.

1967
„Wartet nur balde …“ Ausstellung des Club Voltaire im Karmeliterkloster Frankfurt am Main
„John Heartfield Fotomontör" im Moderna Museet in Stockholm u.a.

„Dass meine Fotomontagen nun in Stockholm und in Lund gezeigt werden, erachte ich gerade zum jetzigen Zeitpunkt für sehr begrüßenswert. In den nordischen Ländern wurden sie gleich zur Zeit ihrer Entstehung, vor und während der Hitlerherrschaft des Öfteren von Zeitungen Skandinaviens, Dänemarks und den Niederlanden veröffentlicht. Seither haben sie Patina angesetzt. Aber haben sie dadurch an Bedeutung verloren? Leider nicht! Darum betitelte ich manche meiner Ausstellungen: ‚Leider noch aktuell‘. Da wir im Atomzeitalter leben, würde ein dritter Weltkrieg eine Katastrophe für die gesamte Menschheit bedeuten, von der wir uns eine ausreichende Vorstellung keineswegs machen können. Vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges, am 13. Oktober 1937, machte ich eine ‚Mahnung‘ überschriebene Fotomontage. Kinobesucher erblicken Schreckensszenen, verursacht durch einen japanischen Fliegerangriff auf die fernöstliche Mandschurei. Die Unterschrift der Montage lautet: ‚Heute noch seht ihr im Film den Krieg in anderen Ländern. Doch wisset: Wenn ihr nicht einig Euch wehrt, mordet er morgen auch Euch!‘“

John Heartfield, fotomontör. [Ausstellungskatalog, Moderna Museet], Stockholm, 1967, S. [4]

Tod (1968)

1968
Nach einer schweren Virusgrippe stirbt John Heartfield am 26. April in Berlin. Er wird auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof beigesetzt; Gertrud Heartfield verwaltet den Nachlass ihres Mannes bis zu ihrem Tod 1983

Gemäß dem gemeinsamen Testament der Eheleute John und Gertrud Heartfield wurde 1984 ein Archiv für den gesamten künstlerischen und schriftlichen Nachlass an der Akademie der Künste eingerichtet. Diese Schenkung wird als eines der bedeutendsten Zeugnisse der Berliner und deutschen Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts vom Archiv der Akademie der Künste in der Kunstsammlung und im Archiv Bildende Kunst betreut.

„Dass Heartfield ein großer Künstler war, wird heute kaum noch einer bestreiten – obwohl ich meine, dass nur wenige sagen können, warum er das war. Das ist und war immer eine sehr diffizile Frage. Dass dieser John Heartfield sein ganzes Können, das auf der großen europäischen Tradition aufgebaut war, in den Dienst der Tagespolitik gestellt hat, ist keine diffizile, sondern eine interessante Frage. Es gab für ihn in einem bestimmten historischen Moment keine wichtigere Sache als den Sozialismus. Nachdem er das erkannt hatte, war die Sache für ihn einfach – aber schwer zu machen. […] Heartfield war – von weitem gesehen – ein einfacher Mensch. Von nahem gesehen ein komplizierter - besser: ein Mensch mit einer immensen Spannweite. Er war ein Weiser und ein Kind. Ein entsetzlicher, kläubelnder Pedant und ein Künstler mit dem großen Wurf. Ein Liebender und ein Hassender. [...] Die Welt und unser Leben scheinen sehr kompliziert. Heartfield machte sie durchschaubar. Sein Bruder half ihm dabei. Seine Frau ermöglichte es. […]“

Werner Klemke, Trauerrede vom 30. April 1968. In: Mitteilungen der Deutschen Akademie der Künste zu Berlin, 6 (1968), 4, S. 2–3